Bittersüß! Lübecker Archäologie zeigt berühmten Tortenfund im Holstentor

Süß ist die Torte, bitter die Wahrheit: Ausstellung lässt Sinnlosigkeit des Krieges und der Zerstörung bewusst werden

Vor 80 Jahren an Palmsonntag 1942 flog die Royal Airforce ihren bislang stärksten Angriff auf eine deutsche Stadt – es sollte ein flächendeckender Angriff auf ein ziviles Wohnviertel erprobt werden. Vor 80 Jahren sollte es an diesem Tag bei der Kaffeetafel von Familie Hitze in der Alfstraße 18 eine Torte geben. Diese stand mit dem gesamten Kaffeeservice schon bereit – dann fielen die Bomben.

Das Haus bekam einen Treffer, brannte aus und die Etagen stürzten hinab und fielen bis in den Keller hinein. Sie begruben alles unter sich, auch die Torte, die jedoch wie durch ein Wunder von den Schuttmassen und Brandbomben verschont wurde: Eingekeilt zwischen Trümmerteilen im Keller lag sie im Verborgenen, bis sie im Sommer 2021 durch notwendig gewordene archäologische Maßnahmen wiederentdeckt wurde.

Um an das Schicksaal der Menschen an diesem einschneidenden Tag in der Lübecker Geschichte zu erinnern und den einmaligen Fund, der in der Presse weltweit Beachtung fand, zeigt die Lübecker Archäologie erstmals überhaupt die Torte nebst ausgewählten weiteren Funden im Holstentor in einer kleinen Ausstellung.

Unter dem Titel „Bittersüß – Der Tortenfund von Lübeck 1942-2022“ wird die Geschichte jener Nacht, ein kleiner Einblick in das private Leben der Zeit und einige der herausragenden Fundstücke dieser Ausgrabung präsentiert. Zu den Klängen von Beethovens Mondscheinsonate, die ebenfalls als verbrannte Schellackplatte gefunden wurde, wird die Sinnlosigkeit des Krieges und der Zerstörung bewusst. Süß ist die Torte, bitter die Wahrheit, dass die Nazis unter der Operation „Mondscheinsonate“ zwei Jahre zuvor Coventry in England angriffen – das Palmarum gilt mitunter als Revanche.

Hintergrund

Palmsonntag 1942 – der Luftangriff auf Lübeck. Dies ist das Ausgangsszenario für einen sehr ungewöhnlichen archäologischen Fund, den die Abteilung Archäologie der Hansestadt zu Füßen der Marienkirche in der oberen Alfstraße bei Schachtsetzungen im Sommer 2021 freilegte. Es handelt sich um eine ganze Torte. Das fein mit Glasur, Randverzierungen und Spritzdekor versehene Backwerk ist nahezu unversehrt und war sorgsam in Wachspapier eingeschlagen. Zwar stark verkohlt und durch die Hitze auf nur noch ein Drittel ihrer ursprünglichen Höhe zusammengeschrumpft, ist sie dennoch im Detail und in all ihren Facetten erkennbar.

Durch den Luftangriff zerstörte, herabstürzende Bauelemente haben scheinbar einen Teil des Erdgeschosses des ehemaligen Hauses Alfstraße 18 in den Keller abrutschen lassen. Hier befand sich auch die Küche und in dieser auch die Torte, die - von Schuttteilen umgeben und abgedeckt - somit vor der Zerstörung geschützt wurde. Es ist momentan das einzige archäologisch freilegte Feingebäck seiner Art in Norddeutschland und ein überaus bedeutsamer Fund - vor allem für die Hansestadt. Und er trat nicht allein auf: Neben der Torte lag ein ganzes Kaffeeservice, das sicherlich für die private Kaffeetafel am betreffenden Palmsonntag gedacht war.

In dem zerstörten Haus in Alfstraße wohnte unter anderem ein Lübecker Kaufmann namens Johann Hitze, das geht aus alten Stadtbüchern hervor.