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Das Holstentor

Die Hansestadt Lübeck gelangte durch Handel zu einem außerordentlichen Wohlstand. Der Reichtum der Stadt sollte mit starken Mauern und mächtigen Befestigungsanlagen gegen Bedrohungen von außen geschützt werden.  Eine Stadtmauer führte komplett um die Stadt herum, nur drei Stadttore erlaubten den Zugang zur Stadt:

Das Burgtor im Norden, ...
… das Mühlentor im Süden…
… und das Holstentor im Westen.
Im Osten schützte die Wakenitz die Stadt. Hier führte das Hüxtertor aus der Stadt hinaus.



Heute sind von diesen Stadttoren, die durch die Lübecker Stadtbefestigung führten, nur noch das Burgtor und das Holstentor erhalten.

Tatsächlich wurde das Holstentor aber nie Ziel eines Angriffs. Neben der rein militärische Funktion im Rahmen des Verteidigungssystems der Stadt, kam dem Holstentor aber noch eine weitere Bedeutung zu. Es sollte von Beginn an auch das gestiegene Repräsentationsbedürfnis der Hansestadt und das Selbstbewusstsein der Lübecker Bürger, das sich auf ihre 1226 erlangte Reichsfreiheit gründet, verdeutlichen.

Warum heißt das Holstentor eigentlich Holstentor?


Das Holstentor führt nach Holstein, dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Holsten, die in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts unter Graf Adolf II. von Schauenburg das slawische Wagrien kolonisierten und den Ort Lübeck neu gründeten.



Das Holstentor wurde in den Jahren 1464-1478 vom Stadtbaumeister Hinrich Helmstede nach niederländischen Vorbildern errichtet und diente von Anfang an nicht nur der Verteidigung, sondern auch der Repräsentation. Bei dem Gebäude handelt es sich um eine von zwei mächtigen Rundtürmen gebildete Doppelturmanlage mit schiefergedeckten Kegeldächern, deren Mitte ein Zwischentrakt bildet, in dem sich das rundbogige Durchgangstor befindet, durch den einst einer der Zugänge zur Stadt führte.

Das Holstentor früher



Wie das Tor ursprünglich ausgesehen hat, zeigt eine Darstellung von etwa 1520 auf dem Magdalenenaltar des Burgklosters von Erhart Altdorfer, der sich heute im St. Annen-Museum befindet. Goldene Kugeln zierten die Türmchen und Turmhelme.




Das Holstentor besitzt zwei verschiedene Ansichten: die stadtauswärts gerichtete Feldseite und die nach innen gerichtete Stadtseite. Beide Seiten hatten unterschiedliche Aufgaben zu erfüllen und sind deshalb gemäß ihrer Funktion unterschiedlich gestaltet.

Giebel

Den Zwischentrakt krönt ein mächtiger, erst 1864-1871 in dieser Form errichteter Stufengiebel.

Blendarkaden

Was von weitem wie Fenster aussehen mag, sind Blendarkaden. Im Unterschied zu echten Fenstern stellt die Blendarkade keinen Durchbruch dar, sondern dient lediglich der Auflockerung der Fassade.

Die Feldseite

Nach außen hin gibt sich das Holstentor trutzig und wehrhaft. Seinen monumentalen Eindruck bewirken vor allem die beiden gewaltige, gegenüber dem Mittelbau um 3,50 Meter vorspringenden Türme. Die Feldseite besitzt angesichts der erwarteten Gefechtssituationen kaum Öffnungen. Die auf dieser Seite 3,50 Metern dicken Mauern sind lediglich von Schießscharten und nur wenigen kleinen Fenstern durchsetzt.

Giebel

Durch den Dreiecksgiebel wachsen drei achtseitige Türmchen auf. Diese Türmchen sind ein Verweis auf die Rats-Architektur, weil sie die „Rathaus-Riesen“, also die drei spitzen Türme des Lübecker Rathauses, zitieren. Im mittleren Türmchen des Giebels wacht eine Madonna mit Kind als Schutzpatronin über die Stadt.

Fallgitter

In der Bogenöffnung an der Stadtseite ist ein Fallgitter erkennbar, dieses wurde aber erst bei der Restaurierung von 1933/34 angebracht. Ursprünglich befand sich an dieser Stelle ein sogenanntes „Orgelwerk“, bei dem die Stäbe einzeln zu bedienen waren.

Die Stadtseite

Insgesamt ist die Stadtseite, deren Mauern wesentlich dünner sind als die der Feldseite (unter 1 Meter), künstlerisch stärker durchgebildet als die der Verteidigung dienende Seite.
Die der Stadt zugewandte Fassade ist weitaus filigraner und präsentiert sich im Vergleich zur Wehrseite freundlicher. Die repräsentative Stadtansicht schließt die beiden Türme und den Mittelbau zu einer einheitlichen Fassade bündig zusammen.


An der Seite des Südturms sieht man wie der Baumeister die optisch nicht einfache Überleitung von der dreigeschossigen Feldseite zu der viergeschossigen Stadtseite bewerkstelligte: der Mauervorsprung der Feldseite führt hier um ein halbes Geschoss senkrecht nach oben, um von dort an das zweite und dritte Obergeschoss auf der Stadtseite voneinander zu trennen.


Den auffälligsten Fassadenschmuck des Holstentors bilden die zwei sogenannten Terrakottafriese, die rund um das Gebäude laufen. Die Friese enthalten drei verschiedene Ornamente.
Eines der Muster besteht aus vier radial angeordneten heraldischen Lilien mit einer Rosette in der Mitte. Ein weiteres Muster zeigt ein symmetrisches Gitter aus Maßwerkstäben mit astartigen Ansätzen. Das dritte Plattenmuster erscheint rein ornamental, mit je vier Distelblättern und einem mittleren Knauf. In der Mitte der Plattenteile erhebt sich eine vierkantige Rosette.
Die unregelmäßige Abfolge der Platten wird auf den Türmen nach jeweils acht Platten entweder von einem lübischen Doppeladler oder einem Schild mit einem stilisierten Baum unterbrochen. Rechts und links vom Wappenadler und Baum sind zwei schmale Nischenplatten angebracht, in denen je ein wilder Mann steht. Die „Wilden Männer“ sind im späten 15. Jahrhundert ein beliebtes Thema, sie stehen hier als Wappenträger.
Der mit dem bloßen Auge nicht erkennbare Fries unterhalb des Daches trägt an den Türmen geschwungene Weinranken…
… und am Mittelbau zwei Löwen zwischen Blattranken.

Irgendwie schief oder?

Nicht zu übersehen ist die starke Neigung des Holstentors und das Einsinken seines Südturms. Die Ursache hierfür liegt in den Fundamentierungsarbeiten im 15. Jahrhundert. Das Holstentor wurde auf morastigem Grund gebaut, deshalb hat man zur Gründung dichte Pfahlsetzungen durchgeführt, über die zwei Balkenlagen als sogenannter Schwellrost aufgelegt wurden. Allerdings stehen nur die Türme auf dieser Konstruktion, der schwere Mitteltrakt aber besitzt keine solche Unterlage. Deshalb sackten die Türme ungleichmäßig in den Untergrund ein und neigten sich wegen des kolossalen Drucks des Mittelbaus einander zu.
Erst mit der Restaurierung von 1933/34 konnte diese Bewegung gestoppt werden.

CONCORDIA DOMI FORIS PAX

Über dem Durchfahrtsboden der Feldseite kündet die vergoldete Inschrift von der Aufgabe des Tores: Drinnen Eintracht, draußen Frieden.

Dieser Schriftzug stammt von 1871 und ist eine verkürzte Form der Inschrift, die zuvor auf dem nicht erhaltenen Vortor gestanden hatte: Concordia domi et foris pax sane res est omnium pulcherrima (Drinnen Eintracht und draußen Friede sind in der Tat für alle am besten).

1477 S.P.Q.L. 1871

Die Widmungsinschrift über der Tordurchfahrt der Stadtseite zieren Wappen mit dem weiß-roten Reichsadler und dem Doppeladler der Hansestadt Lübeck.
Die Jahreszahl 1477 zeigt das Datum der Fertigstellung des Tores an (korrektes Datum ist allerdings 1478).
Das Jahr 1871 verweist auf die Abschlussarbeiten der Restaurierung aber auch auf die Gründung des Deutschen Kaiserreichs. Damit wurde das Bauwerk zugleich zu einem deutschen Denkmal aufgewertet.
Die Inschrift greift das römische Kürzel S.P.Q.R. (SENATUS POPULUSQUE ROMANUS) auf, das mit „Der Senat und das römische Volk“ übersetzt werden kann. Hier wurde es variiert zu: SENATUS POPULUSQUE LUBICENSIS, also „Der Senat und das Lübecker Volk“.

MEHR

Das Holstentor abreißen?

Um ein Haar wäre das Holstentor abgerissen worden.
Das alte Tor bot um die Mitte des 19. Jahrhunderts einen ruinösen Anblick. Zehn Jahre lang – von 1853 bis 1863 – hatte man daher in der Lübecker Bürgerschaft darüber diskutiert, dieses Bauwerk vollkommen abzureißen. Schließlich beschloss die Bürgerschaft am 15. Juni 1863 mit 42:41 Stimmen, also mit der hauchdünnen Mehrheit von einer Stimme, das Tor zu erhalten. Noch im selben Jahr begannen die Restaurierungsarbeiten.


Vor dem Holstentor erstreckt sich eine Grünanlage, die von Harry Maasz angelegt wurde. Dort sind zwei liegende Löwen aus Eisenguss aufgestellt.
Während einer der beiden Löwen schläft, lässt der andere seinen aufmerksam Blick schweifen. Die auf 1823 datierten Löwen sind unsigniert, werden aber Christian Daniel Rauch zugeschrieben. Ein weiterer Abguss der Löwen befindet sich in Hanau, wo sie das Schloss Philippsruhe bewachen.
Die Monumentalstatuen wurden erst nach dem Zweiten Weltkrieg vor dem Holstentor aufgestellt. Ursprünglich befanden sie sich seit 1840 vor einem Wohnhaus in der Großen Petersgrube 19, das dem Kaufmann und Kunstsammler Johann Daniel Jacob gehörte. 1873 wurden sie vor das Hotel Stadt Hamburg in Lübeck am Klingenberg platziert, wo sie bis zu dessen Zerstörung 1942 zu sehen waren.

Vor dem Holstentor befand sich aber nicht schon immer eine Wiese, sondern eine aufwendiges Befestigungssystem. Das im Museum Holstentor ausgestellte Stadtmodell gibt die gesamte Verteidigungsanlage im Holstentorbereich gut wieder: Demnach folgte auf das Mittelalterliche Holstentor das von seitlichen Wällen eingeschlossene Vortor (Renaissancetor). Der Weg setze sich über einen Brückendamm und eine Zugbrücke weiter fort. 

Zwischen altem Holstentorwall und neuem Wall befand sich ein von Teichen (Überreste des ehemaligen Grabens) und Gärten besetztes Gelände als Vorfeld.

Bereits im 16. Jahrhundert galten die mittelalterlichen Befestigungsanlagen wehrtechnisch als veraltet. Deshalb wurde eine Bastion vor das Holstentor als Ergänzung seiner Verteidigungsfunktion erbaut.

1585 wurde als Abschluss der Bastion ein Vortor, auch unter den Namen Renaissancetor oder Krummes Tor bekannt, vor das eigentliche Holstentor gesetzt.

Beide Bauten waren durch eine Zwingmauer verbunden. Das Vortor stand nur rund 15 Meter vom Holstentor entfernt und versperrte so den Blick auf das Holstentor fast vollständig.

Mehr zum Vortor

Das Vortor wurde wegen seines stumpfwinkligen Grundrisses „Krummes Tor“ genannt. Die Krümmung des Vortors diente dazu, den direkten Beschuss durch den Durchgang zu verhindern.
Das Vortor fiel 1853 der Eisenbahn zum Opfer: Es wurde abgerissen, um Platz für den ersten Lübischen Bahnhof und die Gleise zu schaffen. Heute besteht auch dieser Bahnhof nicht mehr; der jetzige Hauptbahnhof liegt etwa 500 Meter weiter westlich.
Bei dem Tor handelt es sich um ein bedeutendes Lübecker Gebäude der Renaissance. Verglichen mit dem rund hundert Jahre älteren Holstentor war das Vortor klein, jedoch an der Feldseite viel reichhaltiger verziert. Die aufwändige Renaissance-Fassade macht deutlich, dass die Repräsentation die wehrtechnischen Belange zurückgedrängt hatte. Während die Feldseite des Vortors reich mit Renaissanceornamenten ausgestattet war, zeigte sich die noch in spätgotischen Formen gestaltete Stadtseite wesentlich schlichter.
Im Dritten Reich wurde das Holstentor für Propagandazwecke missbraucht. Die Nationalsozialisten funktionierten es zu einem Wehrmuseum, das der nationalsozialistischen Ideologie unterlag, um. Weiterhin diente das Holstentor im Dritten Reich häufig als Schauplatz nationalsozialistischer Sonnenwendfeiern und ähnlicher Veranstaltungen.
1935 entstand eine „Ruhmes- und Ehrenhalle“ für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs.
Alle Räume sollten mit Malereien über die Geschichte von den Wikingern bis zur SA ausgestatten werden. Die künstlerische Qualität der Entwürfe von Arthur Illies empfand man aber ungenügend, sodass bis auf einen ausgeführten Versuch die Wandgemälde nicht realisiert wurden.
Neben dem Brandenburger Tor, dem Kölner Dom, Schloss Neuschwanstein und der Münchener Liebfrauenkirche gibt es wohl kaum ein anderes Bauwerk in Deutschland, das sich weltweit einer derartigen Popularität erfreut wie das Lübecker Holstentor. Zu dieser Beliebtheit führten nicht zuletzt die zahlreichen Reproduktionen auf Werbeträgern, die vielen Produkte der Andenkenindustrie, die ungezählten Postkarten und Poster.

Vor allem die Abbildung des Holstentors auf dem 50-Mark-Schein trug zu dessen allgemeiner Bekanntheit bei. Für die Gestaltung der von 1961 bis 1990 gültigen Banknotenserie schrieb die Bundesbank einen Wettbewerb aus. Zehn Grafiker, die bereits Erfahrungen in der Gestaltung von Banknoten und Briefmarken aufweisen konnten, reichten Ihre Entwürfe für die Motive der Schein-Rückseiten ein. Unter Mitwirkung des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss wurde der Entwurf des Schweizers Hermann Eidenbenz ausgewählt.

Mit der Entscheidung der Bundesbank für die Darstellung des Lübecker Holstentors auf der Rückseite des 50-DM-Scheins wurde der deutsche Bürgerstolz unterstrichen; die seit jeher schiefen Türme wurden allerdings auf der Darstellung begradigt.


  • Das Holstentor wurde auf Briefmarken und Medaillen abgebildet. Diese Medaille wurde 1977 anlässlich des 500-jährigen Jubiläums des Holstentores angefertigt.
  • In der Biedermeier-Zeit, in der man sich in die kleine heimische Welt zurückzog, schmückte das Holstentor Sammeltassen, Vasen und Blumentöpfe.
  • Das Holstentor veredelte auch wertvolle Pokale, die zu Ehren von Lübecker Bürgern angefertigt wurden, so auch diesen Jubiläumspokal der Lübecker Firma Buck & Willmann, 1897.
  • Das Holstentor ist auch ein beliebtes Motiv vieler berühmter Künstler, etwa von Andy Warhol, Milde und Edvard Munch.
  • Edvard Munch hielt sich mehrfach in Lübeck auf. Seine Radierung gilt als eine der bedeutendsten Darstellungen des Holstentores im 20. Jahrhundert (von 1904).

Das Holstentor ist im Laufe der Jahrhunderte zum Inbegriff der Vorstellung von Hanse, Hansestadt, Handel, Macht und Reichtum geworden. Eine wichtige symbolische Bedeutung besaß das Gebäude aber von Anfang an, denn es sollte bereits zur Zeit seiner Errichtung Ende des 15. Jahrhunderts weit mehr als eine rein militärische Schutzfunktion erfüllen. Schon damals war er als eine Art Repräsentationsbau und Denkmal zugleich geplant.

Heute befindet sich im Inneren des Holstentors ein Museum, dessen Ausstellung „Die Macht des Handels" die Geschichte der Stadt als Zentrum der nordeuropäischen Handelswege nachverfolgt.



Alle Abbildungen: © Museum für Kunst- und Kulturgeschichte der Hansestadt Lübeck